St. Germain - Tourist & Boulevard

Mahlzeit! - Jazz & House für Lunch & Dinner


House und Jazz ist eine unheilvolle Kombination. Unheilvoll deshalb, weil es so einleuchtend klingt unter ein seichtes Saxophon Gedudel eine Bassdrum zu legen und das Ganze dann innovativ zu nennen. Ist es nicht, zu bestaunen an furchtbaren CD Reihen wie Jazz In The House von denen es mittlerweile die 14. Ausgabe gibt. Eine langweiliger und einfallsloser als die Andere.


‎St. Germain bilden da eine sehr lobenswerte Ausnahme. In einer Alltime-Aufstellung der Alben, die ich am meisten gehört habe, liegen die beiden Veröffentlichungen "Tourist" und "Boulevard" auf jeden Fall in den Top 10. In den allermeisten Fällen tatsächlich beim Kochen oder Essen. Mit Freunden und Familie oder alleine. Deshalb beschreibe ich heute auch ausnahmsweise beide Alben in einer Rezension.


Der Sound ist deep und unaufdringlich, aber auf keinen Fall seicht. Die Jazzelemente mit Saxophon, Trompete und Klavier klingen nie auf den klaren Housefokus aufgesetzt, sondern harmonieren rund und groovend. Man  kann sich das auch wunderbar live in einem verrauchten Jazzkeller vorstellen. Auch wenn ich glaube, dass sich die Tracks in den meisten Fällen eher in den Clubs dieser Welt wiedergefunden haben. Schade eigentlich, würde den ein oder anderen verstaubten Jazz Fetischisten auch mal aufrütteln.


St. Germain aus - tatsächlich - St. Germain-en-Laye hatten seinerzeit (1995 und 2000) mit den beiden Alben auch durchaus Publikumserfolg. Beide Platten verkauften sich zwischen 200.000 und 300.000 mal, was ich für die Art von Sound beachtlich finde. Beim Recherchieren stelle ich im Übrigen gerade fest, dass es noch ein drittes Album namens "From Detroit to St. Germain" gibt. Da höre ich gelegentlich mal rein. Musikalisch stecken mehrere Künstler hinter dem Pseudonym. Kopf der Bande ist aber unbestritten Ludovic Navarre.


Es fällt mir schwer auf beiden Alben klare Favoriten fest zu legen. Sicherlich "So Flute"mit dem genialen  Flötenloop oder "Deep In It", für das der Begriff "deep" offensichtlich erfunden wurde. Auch "Land Of", das sich viel näher an Jazz als House bewegt macht viel Spaß und überzeugt auch den ein oder anderen Jazzhater.  Letzendes gibt es aber auf beiden Alben überhaupt kein Füllmaterial oder gar echte Ausfälle. Das hängt wohl damit zusammen, dass  Ludovic Navarre handwerklich gut produziert und musikalisch keine halben Sachen macht.


Anspruchsvoll im Sinne von anstrengend ist St. Germain nicht. Wer also musikalisch Forderndes an der Schnittstelle zwischen Jazz und House sucht, ist beispielsweise mit "Duo" von Hendrik Schwarz und Bugge Wesseltoft besser bedient. Auch eine tolle Platte, aber viel komplexer und vielschichtiger.


Wie gesagt, hört die Alben beim Essen und Kochen oder beim Wein mit Freunden. Da gehören sie hin und klingen auch nach mehr als 15 Jahren frisch wie Austern in Weißweinsauce. Das freut dann auch die französischen Macher dieser beiden Meisterwerke.