Sbtrkt – Sbtrkt

Früher war alles besser...NOT


Es gab mal eine Zeit und die ist noch nicht allzu lange her, da haben sich Schubladen-Fetischisten sehr sehr wohl gefühlt. Da war die Landkarte der elektronischen Musik noch überschaubar. House war funky und vocallastig, Techno hart und dark und Trance ziemlich bald nervig. Drum'n'Bass klang vor allem schnell und krass und wenn noch jemand darüber gesungen oder gerappt hat, dann hiess das Jungle. Dazwischen gab's noch ein paar Subgenres, aber die kannten auch nur ein paar Nerds (wie wir zum Beispiel). Der Vollständigkeit sei noch der ganze ultraharte Kram wie Gabber und Hardcore erwähnt. Aber das war damals wie heute aus naheliegenden Gründen für die verehrten Leser dieses anspruchsvollen Blogs nicht relevant.


Heute hat alleine schon ein Genre wie Dubstep mindestens 10 Subgenres mit obskuren Bezeichnungen, wie Trap, Post Dubstep, Brostep, Ghoststep, Chillstep, Dubhop oder mein persönlicher Namensfavourite "Fuck Genre", bei dem Genre Grenzen quasi aus Prinzip eingerissen werden. Darüber hinaus mischen sich die Stile und damit auch deren Publikum. Am ehesten zeigt sich das auf Festivals wie dem Melt, das bei aller Größe und entsprechendem Kommerzialisierungsgrad ein höchst credibles Line Up über sämtliche Stilgrenzen auf die Beine stellt. Mit dem Ergebnis, dass es aufgeschlossenen Liebhabern guter zeitgenössischer Musik schwerfallen würde, eine wirklich schlechte Band zu finden.

Das ist eine großartige Entwicklung in den letzten Jahren, denn es entsteht so viel spannende Musik, deren Stilrichtung nicht wirklich zu zu ordnen ist. Mir fallen eine ganze Reihe von Künstlern ein, die Stilgrenzen hinter sich lassen und innovative Sounds abseits der ausgetretenen Pfade produzieren.

Die Offenheit, verschiedene Stile zu vermengen und zu etwas spannendem Neuen zu entwickeln scheint daher auch der Leitgedanke bei Aaron Jerome, alias SBTRKT zu sein. Sein gleichnamiges Album lebt davon, Elemente aus House, Dubstep, Drum'n'Bass, TripHop und - man mag es kaum glauben - R'n'B so miteinander in Szene zu setzen, dass sich letzten Endes ein innovatives Album entwickelt, dass ich seit seiner Erscheinung in 2011 bestimmt schon 50x gehört habe. Nicht so dark und trippig wie Burial, stimmlich etwas weniger prägnant wie James Blake und deutlich hörbarer als Mount Kimbie (die aber ne super Liveband sind) macht der Herr aus London wirklich alles richtig. Zum Mithören gibt es hier das ganze Album als Stream:


"Never Never" ist ein dramatisches Stück TripHop mit hoffnungsvollen Vocals, während "Trials of the Past" deutlich die Nähe zu klassischem R'n'B sucht. Dagegen "Hold On" oder "Pharaos" etwas ganz anderes suchen und mutmaßlich auch finden, nämlich den direkten Weg auf die Tanzfläche. Mein Anspieltip ist auf jeden Fall "Right Thing To Do". Der Track basiert auf einem klassischen Drum'n'Bass Loop, der zwischenzeitlich von einem 4/4 Beat wieder auf Spur gebracht wird und die Vocals so dermaßen in Szene setzt, dass man unvermeidbar mitgrooven muss.

SBTRKT scheint fest entschlossen sein, seinen Sound einem etwas größeren Publikum verstehbar zu machen. Dafür spricht der - und das meine ich als Kompliment - Popappeal des ganzen Albums und die Tatsache, dass kaum ein Track länger als 3:30min ist. 10 minütliche Klangmonster, in denen - überspitzt ausgedrückt - 4 Minuten bis auf das Rascheln einer alten Chipstüte und einem 08/15 Loop nichts passiert, sucht man auf dem Album vergeblich. Vielmehr haben die Tracks schon fast Songstrukturen und auch vor dem guten alten Refrain - schön zum Mitsingen - hat man keine Scheu.

Ich find das gut, das macht das Album sehr kurzweilig und man hat in vielen Situationen Lust, es zu hören. Mit Freunden beim Dinner, alleine im Zug oder zu zweit auf der Couch. Und sogar auf dem Weg in eine Samstag Nacht kling das Album toll. Auf dem Melt Festival ist der gute Mann mit der afrikanischen Maske übrigens auch. Also, wer dort ist, den Herrn auf keinen Fall verpassen.