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Pärchenmusik für zarte Momente


Ich stehe etwas ratlos mit dem Album vor dem CD Regal und frage mich, in welches Fach ich es denn wohl am besten packe. Auf der einen Seite zarter Indie Pop. Dafür spricht vor allem die fragile Stimme von Ninca Leece in “A Broken Shape Of You“. Deep House? Wieso nicht? Die Bassdrum auf einigen Tracks, wie "I Try“ lässt eigentlich keine Fragen offen. Sogar Jazzanleihen sind da, wie zum Beispiel auf “Under Your Tongue".


Der gemeinsame Nenner auf fast allen Tracks ist elektronisch, soviel steht fest. Damit ist Public Lover am ehesten mit Saschienne oder "Daypak&Padberg" vergleichbar, aber lange nicht so dancefloororientiert, wie die beiden technoiden Vorzeige-Ehepaare. Public Lover lassen es ruhiger und mit viel Liebe zum musikalischen Detail angehen. Hinter den Sounds steht mutmaßlich Bruno Pronsato, der schon einige elektronische Singles veröffentlicht hat, die aber viel härter und straighter sind, als die Kollaboration mit Ninca Leere. Die meisten Tracks klingen nämlich sehr organisch und es scheint, als wäre viel analoges Musikgerät zum Einsatz gekommen. Damit könnte man die beiden mit Ensemble Du Verre vergleichen. Allerdings nicht ganz so vertrackt. Ich wünschte übrigens, ich wüsste ein bisschen was über die Band. Aber deren Onlinepräsenz hält sich eher in Grenzen, was sie schon wieder fast sympathisch macht.

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Ich habe das Album vor zwei Jahren, kurz nach der Veröffentlichung gekauft und seitdem noch gar nicht so häufig gehört. Komisch eigentlich, die Platte ist nämlich gut hörbar, ohne belanglos zu sein. Das ist der Sound für einen entspannten Abend bei einem Drink auf der Terrasse oder zum gemeinsamen Kochen mit Freunden. Für die eher leichten Momente im Leben also. Kritische Stimmen würden jetzt vielleicht nach mehr musikalischen Ecken und Kanten rufen. Das tun wir aber nicht. Auf der Terrasse trinken wir schließlich auch keinen Absinth, sondern einen leichten Pinot Grigio.  In diesem Sinne: Dolce Vita!


2005 noch auf dem Brutalga Square unterwegs


Auf den Herrn Kozalla konnten sich im letzten Jahr fast alle einigen. Vom gesichtstätowierten Stiernackenraver, über den vegan lebenden Vollbarthipster bis hin zum zarten 'Nices Wölkchen’ find ich toll - Indiemädchen oder dem Spiegel-Feuilleton - alle fanden Kozes Album “Amygdala" super. Laut.de schreibt von "warmen, karamelligen Tunes, gerne mit Songstruktur versehen", während der Spiegel folgendermaßen schwärmt: "Und immer wieder Augenblicke, da alles Elektronische sich ins Psychedelische verflüssigt und ins Ozeanische mündet." Das finden wir auch. DJ Koze ist ein überragender Künstler und hat ein tolles und vielfältiges Album produziert. Abgesehen davon hat er die richtige Haltung und eine wohltuende Abgegrenztheit zur elektronischen Feiermonokultur, wie er in zahlreichen Interviews gekonnt zum Ausdruck bringt.


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Koze hatte allerdings davor schon einige ganze Reihe von sehr starken Veröffentlichungen und das Album "Kosi comes around" steht da meiner Meinung nach "Amygdala" qualitativ in nichts nach. Es ist allerdings weniger konsensfähig, sondern orientiert sich eher an den technoiden Sets, für die Koze nicht ganz unbekannt ist. Schon der Opener "Estrella" hat vermutlich auf mancher Afterhour die ein oder andere Synapse verknotet, während "Raw" oder auch "Don't Feed The Cat" im richtigen Moment die Tanzfläche subtil in Brand setzen können. "The Geklöppel Continues“ und mein persönlicher Lieblingstrack - "Brutalga Square" - machen das auch, allerdings schon nicht mehr ganz so subtil. Aber - und dafür wird Koze zurecht nicht nur von uns verehrt - hat jedes noch so derbes Technobrett viele überraschende Elemente und intelligente Sounds, die die Tracks keine Sekunde langweilig klingen lassen.


"Kosi Comes Around" ist übrigens kein reines Technoalbum. Mit "Barock Am Ring" oder auch "Chiminea" sind auch ambientlastige Soundexperimente, der etwas schwereren Kost vertreten. Einen gemeinsamen Nenner haben nämlich alle seine Veröffentlichungen, Koze macht es dem geneigten Hörer nicht leicht, sondern er fordert. Deshalb empfehle ich sehr, das Album auch nicht nur im entrückten Clubrausch zu konsumieren, sondern ruhig auch mal bewusst und wach auf dem Kopfhörer zu hören. Es lohnt sich, Stefan Kozella hat viel zu erzählen. In seinen Tracks und im folgenden Interview:


“Hardly any other artist has mastered the balancing between techno and pop better than Michaela Dippel aka Ada"


Dieser Satz beschreibt zum Einen sehr gut den Großteil aller Veröffentlichungen der Wahlhamburgerin Ada und ist zum Anderen das Opener-Zitat eines sehr sehenswerten Videospecials der Plattform "electronic beats".

Genau dieses Video hat mich dazu gebracht das zweite Album "<strong>Meine Zarten Pfoten</strong>" wieder aus dem CD Regal zu hervorzukramen und genauer anzuhören.



Adas Albumdebut stammt aus 2004, heisst "Blondie" und streift den Pop mit viel guten Willen vielleicht mal in Zwischensequenzen. Ansonsten ist "Blondie" für die Zeit nach 23h und am Wochenende gedacht. Das Album wummert, hat den Techno im Sinn und die Tanzfläche im Auge. Das aber so gut, dass es bestimmt 2 Jahre unseren CD Player in der Küche nicht verlassen hat. Zumindest nicht am Wochenende.

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"Meine zarten Pfoten" ist da anders. Es dauert bis Track 6, "At The Gate" bis das Album mal so etwas wie eine Bassline entwickelt und Fahrt aufnimmt. Daneben zielt nur noch "Happy Birthday" auf den Dancefloor ab. Der Rest des Albums ist sehr poppig, schon fast  indielastig und gefällt mir fast ein bisschen besser, als Adas elektronisch-orientierten Tracks. Das liegt vor allen an ausgetüftelten Hymnen, wie "Faith", Singer/Songwriter Oden – “Likely“ oder "Good -Vibration-Tracks", wie das verspielte "The Jazz Singer", das gar nicht nach Jazz klingt. Das wäre dann eher "Interlude".


"Meine leisen Pfoten" ist ein besonderes Album, weil es so kunstvoll arrangiert ist. Eure beiden auditory-cheesecake Protagonisten, Christian und Florian, können sich nur selten auf ein gemeinsames Lieblingsalbum einigen. Ada hat das mit der Veröffentlichung geschafft. Man merkt, dass sie viel Liebe fürs Detail hat walten lassen und jede einzelne Spur, jede Bassline und jeden versprengelten Sound sehr genau gesetzt hat. Da ist nichts überproduziert oder beliebig. Genau aus diesem Grund verdient das Album, dass man ihm zuhört. Das geht solo beim Nachdenken oder auch zu zweit auf der Couch. Es darf nur nicht wahllos im Hintergrund laufen. Dafür ist es zu unaufdringlich und vor allem viel zu Schade.


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