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Super Überblick über das musikalische Schaffen eines der relevantesten Labels der letzten 20 Jahre


Ich will nicht älter und vor allem altklüger klingen als unbedingt notwendig. Aber es gab mal eine Zeit, da hatten elektronische Labels eine echte Bedeutung im unendlichen Wirrwar des unerschöpflichen musikalischen Angebots. Sie standen entweder für einen bestimmten Sound oder boten als Leuchtturm Orientierung für Qualität. Warp sticht in dem Kontext als Label mit mittlerweile jahrzehntelanger Historie und echter Daseinsberechtigung hervor. Im Gegensatz zu einer unüberschaubaren Anzahl von Kleinstlabels, von denen nach wenigen Veröffentlichungen niemand mehr etwas hört. Und das in fast allen Fällen auch zu Recht.


Warp steht seit je her für Musik abseits der üblichen Genregrenzen und für Bands deren Musik eine gewisse Lust auf Komplexität voraussetzt. Die Doppel CD "Chosen" wurde zum 20 jährigen Bestehen des Labels aus Sheffield (sitzen aber mittlerweile in London) veröffentlicht und birgt eine Besonderheit. Auf CD 1 haben über 50.000 Fans ihre absoluten Lieblinge bestimmt, während auf CD2 ein Mitbegründer seine 14 Favoriten ausgewählt hat. Beide CDs geben einen super Überblick über den Querschnitt des Labels. Ich empfehle übrigens den Kauf der physischen CD oder sogar des Vinyls. Das Artwork ist sehr ansprechend gemacht und beinhaltet viele Statements von Fans, die darüber schreiben, was sie mit den einzelnen Tracks verbindet. Beim Stöbern habe ich zudem festgestellt, dass es zu fast allen Tracks ziemlich gute - und teilweise sehr verstörende - Videos gibt.


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CD1 ist naturgemäß - wenn 50.000 Fans auswählen - etwas hitlastiger. Klar, dass die absolute Warp Überplatte "Windowlicker" nicht fehlen darf. Die habe schon ewig nicht mehr gehört. Ein Monster, dass sich über 6min zwischen der eingängigen Hookline und einem Drone Music Rauschen herausschält und ich unbedingt mal wieder laut hören will. Dazu gibts die üblichen Warp-Verdächtigen, wie "Boards Of Canada", knallenden Drum'n'Bass von Squarepusher und einen fetten Gitarren/Electro-Hybrid von "Battles". LFO ist natürlich auch mit von der Party, auch wenn ich die nie richtig gut fand. Dann schon lieber Ambient von Plaid oder die Kreuzung zwischen Disco und Acid des Herrn Luke Vibert. Die folgenden knapp vier Minuten von Autechre muss man wahrscheinlich aus Credibility Gründen ertragen, bis es dann mit Jimmy Edgar und Chris Clark ein bisschen versöhnlicher endet.


CD 2 von Steve Beckett selektiert finde ich persönlich schon fast interessanter. Viele der üblichen Namen finden sich auch hier wieder, aber die Trackauswahl ist spannender. Sqarepusher ist hier mit einer gelassenen Triphop Nummer am Start, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte, während Nightmares on Wax echte Acidqualitäten an den Tag legt. Aphex Twin läßt uns tief in seine Soundexperimente blicken und holt aus dem Loop eines springenden Gummiballs mehr raus, als manch gehypter Produzent der Stunde aus Ableton Live. Und “Grizzly Bear" hört sich an wie die Beatles nach einem schief gelaufenen Drogenexperiment.


Was auf Warp veröffentlicht wird, das kauft und hört man nicht, weil es im Hintergrund plätschern soll. Auch nicht dann, wenn man mal wieder "was Schönes" hören und dabei lesen will. Und wenn sich der charmante Schwarm zum Abendessen inklusive romantischer Übernachtung angekündigt hat, dann ist das auch nichts - Ok, mit Ausnahme von Boards of Canada vielleicht. Auf den Warp Sound muss man sich einlassen. Das hört man bei einem Spaziergang durch eine im Niedergang befindliche britischen Industriestadt. Oder alleine auf einer Reise, den Kopf an das Zugfenster gelehnt und die tobenden Kinder im Abteil ausblendend. Oder im richtigen Moment im Club. Dann befördern nämlich unerträgliche Soundgewitter den geneigten Hörer in ein Sounderlebnis der besonderen Art.

So, und jetzt Aphex Twin auf VOLLE Lautstärke. Dann wisst ihr, was ich meine.




Nichts fürs dänische Ferienhaus, und gerade deshalb genial


Eins vorab: "The Last Resort" ist ein Meisterwerk in Sachen Düsterheit. Jeder einzelne Track schafft es eine Atmosphäre zu schaffen, die einen im dänischen Ferienhaus im Herbsturlaub so schnell nicht einschlafen lassen würde. Und dafür liebe ich das Album. Wie oft habe ich die auf nächtlichen Autofahrten, im Zug beim "Aus dem Fenster gucken" oder während eines Spaziergangs am Hafen gehört. Und jedes Mal war ein anderer Track mein Favorit.


Das Album startet mit “Take Me Into Your Skin“ dass sich mehr als 6 Minuten hochschraubt, um dann kurz durch zu starten und dann sanft aus zu laufen. Für "Vamp" scheint "Alter Ego" Pate gestanden zu sein. Das Geknarze im Hintergrund kommt mir in dem Zusammenhang nämlich ganz bekannt vor und "Evil Dub“ oder "Nightwalker" hätten auch auf Basic Channel erscheinen können.

“Always Something Better“ und "While The Cold Winter Calling" bedienen sich mustergültig aus der Ambient-Ecke ohne jemals belanglos zu werden.


Das Album ist zwar überwiegend elektronisch, aber mit Sicherheit kein Technoalbum. Dafür ist es viel zu gut hörbar und hat - trotz fehlender Vocals - auch durchaus Songstrukturen. "Moan“ war seinerzeit auch ein ziemlicher Clubhit, wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass das größte Trentemoellersche Clubmonster gar nicht auf dem Album ist. Das ist nämlich sein Remix für Martinez' "Shadowboxing" - wie ich finde.


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In meinen Augen scheint Trentemoeller allerdings den Zenit seiner innovativen Schaffenskraft hinter sich gelassen zu haben. Fest zu stellen an dem Konzert im "Uebel & Gefährlich Hamburg" auf einen Samstagabend. Vor einigen Jahren hat der gute Mann morgens um vier an gleicher Stelle angefangen zu spielen und wir sind um drei schon nicht mehr reingekommen. Gestern war das anders.


Das Konzert war vielleicht zu drei Viertel gefüllt und auch kein echter Reißer. Nur in wenigen Momenten hat Trentemoeller plus Band die Energie erzeugt, die man von deren Veröffentlichungen erwarten könnte. Richtig enttäuscht haben mich die Visuals - es gab keine - und in Sachen Lichttechnik habe ich auf einem Open Air am hellichten Tage schon Besseres gesehen.


Ehrlicherweise haben mich aber schon die beiden letzten Alben "Into The Great Wide Yonder" und "Lost" nicht wirklich überzeugt. Uninspiriertes Getöse an der Schnittstelle zwischen Techno und Gitarre mit hin und wieder eingestreuten Sounds, die wohl an Aphex Twin erinnern sollen, aber eher nerven. Merke: Alles was nach Aphex Twin klingt, ohne Aphex Twin zu sein, NERVT.

Aber das macht "The Last Resort" nicht schlechter, das Album ist sensationell.



Techno für smarte Mädchen und charmante Jungs


In letzter Zeit gibt es mehr und mehr Acts, die elektronischen Sound mit Vocals stärker in den Songkontext stellen. Allen voran stehen da vermutlich The XX oder Dillon, aber auch unbekanntere Band wie Pupkulies & Rebecca. Weniger den Song, sondern vielmehr Techno haben da Saschienne im Visier. Das sympathische Ehepaar  bestehend aus Julienne Dessagne und dem crediblen Schnurrbartträger Sascha Funke kollaborieren auf diesem Album auf perfekte Art und Weise.


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Juliennes Stimme geht unter die Haut und verkörpert die Nacht und den Club so eindringlich, wie ich das auf Albumlänge selten gehört habe. Sascha Funke ist seit vielen Jahren als DJ international unterwegs und produziert auch selbst. So auch dieses hervorragende Album. Er hatte seinerzeit mit Mango auch einen größeren Clubhit, der von Paul Kalkbrenner in dessen Film verwurstet und von ihm selbst geremixt wurde. Sascha Funke steht für Club, nicht für Pop. Aus diesem Grund ist das Album auch nicht gefällig, sondern hat mit Tracks wie Knopfauge oder "Grand Cru" auch durchaus düstere Seiten.


Sascha Funkes DJ Sets sind im Übrigen wirklich empfehlenswert. Um ihn zu sehen, habe ich mich vor einigen Jahren sogar tatsächlich getraut, alleine in einen Club zu gehen. Ins "Click" nämlich. War musikalisch ein Wahnsinnsabend in einem der damalig besten Clubs Hamburgs!


"La Somme" ist dann wieder versöhnlicher und nimmt einen in Richtung Ambient an die Hand. Mit "Neue Acht" endet das Album dann deep und versöhnlich und schubst einen aus der Tür des Clubs in die Morgensonne und nach Hause.



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