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In diesem Jahr gab es so viele gute Alben, dass es uns schwergefallen ist, uns auf 10 zu beschränken. Die üblichen Verdächtigen wie Moderat, DJ Koze, Mount Kimbie und Arcade Fire finden wir auch super, aber wir wollen mit euch unsere Favoriten teilen, die man im Zweifel nicht in jeder zweiten crediblen Top Ten Liste findet. Merke, auch abseits der ausgetretenen Pfade ist es oft am Schönsten.


Still Corners – Strange Pleasures

Die Band “Still Corners“ ist bisher noch so eine Art Geheimtipp. Das Genre: Dream Pop. Lasst Euch aber von diesem nicht sehr einladenden Genre-Namen nicht abschrecken. Musik zum Träumen kann auch cool sein. Auf Still Corners gestoßen bin ich auf einem nicht sehr gut besuchten Konzert im Hamburger INDRA. Ohne einen einzigen Song bereits vorher zu kennen wurde ich dennoch sehr schnell im Bann der Londoner Band und vor allem der Stimme von Tessa Murray gezogen. Nach dem großartigen Debut-Album Creaturesof an Hour aus dem Jahr 2011 konnten Still Corners die dichte Atmosphäre und den tollen Sound nahtlos auf „Strange Pleasures“ fortsetzen. So wünscht man sich ein Follow-Up einer liebgewonnenen Band. Ein verstörendes Märchen-Bilderbuch zum Hören mit Happy End.


Stimming - Stimming

Martin Stimming ist neben DJ Phono und David August der sympathischste und musikalisch anspruchsvollste Künstler des Hamburger Labels Diynamic. Bei den meisten seiner Produktionen muss ich an eine angezogene und unfassbar funkige Handbremse denken. Man wartet jede Sekunde auf die Abfahrt und sie kommt einfach nicht. Das macht die Crowd im Club verrückt und klingt auf dem Kopfhörer super. Das Ganze bewegt sich an der Schnittstelle zwischen House und Techno mit dem gemeinsamen Nenner "deepness". Sein Debut aus 2009 "reflections" war großartig, der selbst betitelte Nachfolger ist noch besser. Und Martin Stimming einfach ein sehr sympatischer Zeitgenosse, wie das folgende Interview beweist:


Au Revoir Simone – Move In Spectrums

Au Revoir Simone geht mit dem 2013er Album “Move In Spectrums” neue Wege. Weitaus poppiger als die Vorgänger-Alben und vor allem deutlich tanzbarer. Die Band besteht aus drei Damen aus Brooklyn, die optisch allen Indie-Klischees entsprechen, was ja nicht unbedingt etwas Negatives sein muss. Easy Listening Indie Folk trifft Dancefloor-Pop und macht dabei eine sehr gute und nach wie vor entspannte Figur. Ich hoffe, die Band bleibt ihrer Fangemeinde treu und verliert sich obgleich der Radiotauglichkeit der neuen Lieder nicht im Mainstream-Sektor. Bis dahin genießen wir auf jeden Fall jede einzelne Note.


Ghostpoet - Some Say I So I Say Light

Ghostpoet ist einer der Künstler, von denen ich nie etwas gehört und zufällig live gesehen habe. Auf dem Konzert hat er mir die Augen geöffnet. Für eine Art von Sound, die ich vorher nicht kannte. Einen derben Hybrid aus Hip Hop, Dubstep und Trip Hop. Ähnelt im allerweitestens Sinne vielleicht The Streets, ist aber viel tiefsinniger und feingliedriger produziert. Seine eindrucksvolle Stimme näselt über Beats, die sich einem subtil ins Hirn bohren. Hat mich während des Konzert und das ganze Jahr nicht losgelassen. Ich glaub, das Album höre ich in 20 Jahren noch. Weltklasse!


Chvrches – The Bones Of What You Believe

Zu Chvrches muss man eigentlich nichts mehr sagen. Die in 2013 wohl meist gehypte und geliebte Band, die wirklich alle für sich vereinnahmen konnte. Sowohl kritische Indie-Musikredakteure und Blogger als auch kommerzielle DJs und vor allem das bunt gemischte Publikum auf den grandiosen Konzerten. Lauren Mayberry katapultierte sich mit ihrer vereinnahmend sympathischen Ausstrahlung und zugleich zart und kraftvollen Stimme in die Herzen der Audienz. Wohl ziemlich einzigartig:Das Debutalbumder schottischen Elektropop-Komboist randlos voll mit Hits und völlig ohne Lückenfüller. Hoffentlich kommt da in 2014 noch viel mehr!


Kalabrese  - Independent Dancer

Kalabrese zweites Album ist noch fetter als sein Debut. 12 Tracks denen der Funk nur so aus den Ohren fließt. Und das, obwohl es doch gar kein Funk ist, sondern House oder Indie oder Pop. Ach, vergesst die Genregrenzen, spätestens wenn die Bassline vom Kontrabass eingeholt wird und Kalabrese in sympathischem Schwyzerdütsch darüber singt, dann liegen sich eh alle Genrefetischsten vor Glück in den Armen. Musik zum Tanzen, Knutschen und Gut gelaunt sein.



Dear Reader – Rivonia

Dear Reader geistern schon seit einigen Jahren durch die heimischen CD-Player von Menschen mit gutem Geschmack und waren auf ansprechenden Festivals stets gern gesehene Gäste. Die südafrikanische Herkunft der Band-Gründerin und Wahl-Berlinerin CherilynMacNeil ist dem 2013er Album „Rivonia“ nicht nur musikalisch, sondern vor allem auch textlich herauszuhören. Ich achte normalerweise wenig auf Songtexte, bei diesem Werk kommt man aber nicht umhin, sich bildlich die Geschichten vom Goldrausch oder einsamen Seeleuten vorzustellen, die auf dem Album mit eindrucksvoller Stimme und teilweise sogar Chorgesängen vorgetragen werden. Auch ein absoluter Live-Konzert-Tipp!



Robinn - Multiphonia

Es wird immer schwerer für besserwisserische Schubladenfetischsten in Sachen Musikgenres. Bestes Beispiel ist Robbin, der in seinem ersten Album Techno, Dubstep und Indiepop so verwurstet, dass der Jutebeutel-Hippster, mit dem Dubstep Head glücklich um ein Indiemädchen tanzt. So soll es sein. Eindrucksvolle Stimme hat der Mann und ein tolles Album ist das. Ich hoffe, der geht bald mal auf Tour!



Baths – Obsidian

Für Leute, die auf intelligente Texte gepaart mit elektronischem Geklimpert stehen, denen James Blake aber schon zum Halse raushängt, empfehle ich Baths, das Projekt von Ober-Musiknerd Will Wiesenfeld. Teilweise erinnert mich der Sound auch an Postal Service, vor allem der Anspieltipp „Phaedra“. Grundsätzlich aber noch elektronischer und mit größerer Leidenschaft für kleine Sound-Details. Ein Fest war es auch, den Herrn bei einem seiner in Deutschland seltenen Konzerte sehen zu können, permanent über seine Maschinen gebeugt und ins Mikrofon kreischend wie ein Bekloppter hatte sich Will Wiesenfeld wohl mit Absicht schlimm angezogen und benommen: Mit einer hässlichen Turnhose bekleidet erzeugte er wahnsinnig treibende Elektro-Sounds und vertrieb böse Geister mit seiner überdrehten Stimme, wenn er nicht gerade ins Mikro rülpste oder das Publikum beleidigte. Chapeau!



Mano Le Tough - Changing Days

“Transzendenz ist mir sehr wichtig, wenn ich Musik mache. Du überwindest dich quasi selbst, um nur noch in der Musik und in dem Moment zu existieren". So spricht der Ire in einem Interview mit der Debug über sein Werk. Und genau so klingt auch das Album. Tiefsinniger Konzepthouse, der recht und links der geraden Bassdrum ausbricht und eine Atmosphäre entwickelt, die nie düster, sondern immer hoffnungsfroh ist. Intelligente elektronische Musik auf Albumlänge, die nicht das Dunkel des Clubs, sondern die freundliche Helligkeit eines schönen Sommertags sucht. An einem Tag, an dem tanzen darf, nachdenken möchte und letztlich glücklich ist.

Musik für traurige Surfer


Es gibt Bands, deren Existenz man irgendwo zufällig aufgeschnappt hat. Bands die jenseits jeglicher Hypes und Spex-Reviews existieren und gerade vielleicht auch deshalb mit zu den persönlichen Lieblings-Geheimtipps gehören. Die Band Girls Names stammt aus Belfast und bringt schwergewichtigen Indie-Surf-Pop aufs Parkett. Ich bespreche hier das erste Album der Band, namens “Girls Names - Dead To Me", da ich es noch etwas besser finde, als das Anfang 2013 erschienene zweite Album "Girls Names - The New Life".


„Dead To Me“ startet mit einem der Highlights des Albums. Der Song Lawrence ebnet mit einem atmosphärischen Gitarrenintro den Weg für die leicht düstere Stimme von Cathal Cully. Die Surf-Einflüsse sorgen stets dafür, dass die Musik nicht zu sehr ins Düstere abdriftet. Für einen Kinderkarneval ist der Sound jedoch dennoch nicht zu empfehlen. Keinesfalls leicht verdaulich und zur falschen Zeit gehört vielleicht auch etwas zu energetisch und aufregend. Zur richtigen Zeit gehört jedoch – und hier denke ich an eine nächtliche Fahrt durch Berlin oder den angetrunkenen Nachhauseweg aus einem Pub – entfaltet das Album eine völlig eigene Stimmung und ist vor allem mal etwas Anderes im Indie-Einheitsbrei. Mit großer Sicherheit auch eine Geheimwaffe für eine gute Club-Crowd. Mein Highlight des Albums ist „I lose“ – beim Gitarrenriff zu Anfang des Stücks wähnt man sich fast in einem Soundtrack zu einem Tarrantino-Film.



Super Überblick über das musikalische Schaffen eines der relevantesten Labels der letzten 20 Jahre


Ich will nicht älter und vor allem altklüger klingen als unbedingt notwendig. Aber es gab mal eine Zeit, da hatten elektronische Labels eine echte Bedeutung im unendlichen Wirrwar des unerschöpflichen musikalischen Angebots. Sie standen entweder für einen bestimmten Sound oder boten als Leuchtturm Orientierung für Qualität. Warp sticht in dem Kontext als Label mit mittlerweile jahrzehntelanger Historie und echter Daseinsberechtigung hervor. Im Gegensatz zu einer unüberschaubaren Anzahl von Kleinstlabels, von denen nach wenigen Veröffentlichungen niemand mehr etwas hört. Und das in fast allen Fällen auch zu Recht.


Warp steht seit je her für Musik abseits der üblichen Genregrenzen und für Bands deren Musik eine gewisse Lust auf Komplexität voraussetzt. Die Doppel CD "Chosen" wurde zum 20 jährigen Bestehen des Labels aus Sheffield (sitzen aber mittlerweile in London) veröffentlicht und birgt eine Besonderheit. Auf CD 1 haben über 50.000 Fans ihre absoluten Lieblinge bestimmt, während auf CD2 ein Mitbegründer seine 14 Favoriten ausgewählt hat. Beide CDs geben einen super Überblick über den Querschnitt des Labels. Ich empfehle übrigens den Kauf der physischen CD oder sogar des Vinyls. Das Artwork ist sehr ansprechend gemacht und beinhaltet viele Statements von Fans, die darüber schreiben, was sie mit den einzelnen Tracks verbindet. Beim Stöbern habe ich zudem festgestellt, dass es zu fast allen Tracks ziemlich gute - und teilweise sehr verstörende - Videos gibt.



CD1 ist naturgemäß - wenn 50.000 Fans auswählen - etwas hitlastiger. Klar, dass die absolute Warp Überplatte "Windowlicker" nicht fehlen darf. Die habe schon ewig nicht mehr gehört. Ein Monster, dass sich über 6min zwischen der eingängigen Hookline und einem Drone Music Rauschen herausschält und ich unbedingt mal wieder laut hören will. Dazu gibts die üblichen Warp-Verdächtigen, wie "Boards Of Canada", knallenden Drum'n'Bass von Squarepusher und einen fetten Gitarren/Electro-Hybrid von "Battles". LFO ist natürlich auch mit von der Party, auch wenn ich die nie richtig gut fand. Dann schon lieber Ambient von Plaid oder die Kreuzung zwischen Disco und Acid des Herrn Luke Vibert. Die folgenden knapp vier Minuten von Autechre muss man wahrscheinlich aus Credibility Gründen ertragen, bis es dann mit Jimmy Edgar und Chris Clark ein bisschen versöhnlicher endet.


CD 2 von Steve Beckett selektiert finde ich persönlich schon fast interessanter. Viele der üblichen Namen finden sich auch hier wieder, aber die Trackauswahl ist spannender. Sqarepusher ist hier mit einer gelassenen Triphop Nummer am Start, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte, während Nightmares on Wax echte Acidqualitäten an den Tag legt. Aphex Twin läßt uns tief in seine Soundexperimente blicken und holt aus dem Loop eines springenden Gummiballs mehr raus, als manch gehypter Produzent der Stunde aus Ableton Live. Und “Grizzly Bear" hört sich an wie die Beatles nach einem schief gelaufenen Drogenexperiment.


Was auf Warp veröffentlicht wird, das kauft und hört man nicht, weil es im Hintergrund plätschern soll. Auch nicht dann, wenn man mal wieder "was Schönes" hören und dabei lesen will. Und wenn sich der charmante Schwarm zum Abendessen inklusive romantischer Übernachtung angekündigt hat, dann ist das auch nichts - Ok, mit Ausnahme von Boards of Canada vielleicht. Auf den Warp Sound muss man sich einlassen. Das hört man bei einem Spaziergang durch eine im Niedergang befindliche britischen Industriestadt. Oder alleine auf einer Reise, den Kopf an das Zugfenster gelehnt und die tobenden Kinder im Abteil ausblendend. Oder im richtigen Moment im Club. Dann befördern nämlich unerträgliche Soundgewitter den geneigten Hörer in ein Sounderlebnis der besonderen Art.

So, und jetzt Aphex Twin auf VOLLE Lautstärke. Dann wisst ihr, was ich meine.




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